Um zu entscheiden, welche diagnostischen und therapeutischen Optionen im medizinischen, rehabilitativen, pflegerischen oder sozialen Bereich notwendig sind, muss eine gründliche geriatrische Untersuchung, das sogenannte geriatrische Basisassessment (also eine Multifunktions-untersuchung des älteren Patienten) durchgeführt werden, die viel Zeit und viel Erfahrung benötigt und sich daher schlecht in den Praxisalltag integrieren läßt. Vorhandene Störungen in allen Bereichen lassen sich auf diese Weise aufdecken, qualifizieren und quantifi- zieren, so dass erst dann eine gezielte Behandlung möglich wird.

Geriatrische Untersuchungsergebnisse und international standardisierte Testuntersuchungen können für die quantitative Überprüfung nahezu aller Störungen herangezogen werden. Durch wiederholte Assessmentuntersuchungen in definierten Abständen lassen sich Krankheitsverläufe begleiten (Prozess-qualität) und zu jedem beliebigen Zeitpunkt Ergebnisse abrufen, die weitere Schlussfolgerungen und Therapieansätze nach sich ziehen (Ergebnisqualität). Wer Seniorenmediziner sein möchte – und diese Aufgabe auch ernst nimmt – braucht viel Zeit, Geduld, eine hervorragende und breite medizinische Ausbildung sowie die Fähigkeit der Zuwendung zum Patienten und dessen familiärem Umfeld.

Eine Arztpersönlichkeit muss mit den Jahren der medizinischen Tätigkeit erst reifen, um erkennen zu können, dass nicht die technischen Details eines Fachgebietes alleine, sondern das Einfühlungs-vermögen in eine vorgegebene Situation und das Erkennen von Möglichkeiten und Grenzen im Einzelfall mindestens genauso wichtig sind. Vergeblich sind alle Bemühungen, wenn es nicht gelingt, den Patienten und/oder seine Bezugspersonen in ein Betreuungs-konzept einzubinden, denn zwangsläufig überschneiden sich oft Wünsche und Vorstellungen, etwa der Familie, mit der gesundheitlichen und sozialen Realität der vorgegebenen Situation.

Der Patient entscheidet vor diesem Hintergrund selbst, welche Ziele er erreichen möchte (z.B. Gehen lernen, sich alleine versorgen, den Transfer zwischen Rollstuhl und Bett schaffen zu können usw.).

Der Arzt stellt durch seine Untersuchung fest, welche dieser Wünsche realisierbar sind. Danach können die individuellen Übungsprogramme festgelegt werden. Der Schlüssel für den Zugang zu dieser Problematik ist der Dialog mit allen Beteiligten. Dieser kostet – wie schon gesagt – viel Zeit, die durch die Ungebundenheit des Arztes an ein berufliches Korsett (z.B. Vertragsarzt zu sein) besser aufgebracht werden kann.

Nach diesem kurzen gedanklichen Ausflug in die Realität der Seniorenbetreuung darf ich mich Ihnen nun vorstellen:


Ich bin Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin mit spezieller Ausrichtung auf die Seniorenmedizin, also auf die Geriatrie. Für die Geriatrie und die Psycho-therapie habe ich von der Landesärztekammer ein Zertifikat erhalten. Dass diese Qualifikationen nicht nur auf dem Papier stehen, können Sie daraus ersehen, dass ich seit mehreren Jahrzehnten regel-mäßig Basisarbeit an ca. 200 schwerkranken Patienten auf Pflegestationen und auch im häuslichen Bereich geleistet habe und auch noch leiste. Dort habe ich gelernt, dass man einiges besser machen kann – und machen muss.

Wenn man bedenkt, dass beispielsweise die überwiegende Anzahl der wissenschaftlichen Untersuchungen in allen Kategorien der Medizin an jüngeren Patienten durchgeführt wurden, also die Ergebnisse einfach auf den älteren Patienten übertragen werden müssen, findet man streng genommen eigentlich viel wissenschaftliches Brachland in der Geriatrie vor.
Um so wichtiger ist die Erfahrung im Alltag. Zwar kommt die standardisierte Diagnostik aus der Klinik, wird also hauptsächlich bei stationären älteren Patienten für die geriatrische Frührehabilitation eingesetzt, aber dann in der ambulanten Medizin zur Verlaufskontrolle und zur Therapienachbesserung meist nicht weiter fortgeführt.

Primär nicht stationäre Patienten kommen gleich gar nicht in diesen Genuss einer geriatrischen Untersuchung. Dabei ist ständige professionelle Begleitung im häuslichen Umfeld eines kranken oder behinderten Senioren, wenn nötig mit täglicher Optimierung der Therapie, das Gebot der Stunde. Das Rad des Lebens lässt sich leider nicht zurückdrehen. Das heißt, die Medizin im höheren Lebensalter ist notgedrungen meist eine Palliativmedizin.

Also eine lindernde Behandlung, weniger eine vorbeugende oder gar heilende. Ziel ist natürlich trotzdem, die größtmögliche Lebensqualität und eine selbstständige Lebensführung zu ermöglichen. Beides ist wiederum abhängig von einer befriedigenden Alltagskompetenz.

Das Wohlfühlen des älteren Patienten ist eine der Grundlagen dafür, die Motivation aufzubringen, an den Verbesserungen seiner Behinderungen mit zu arbeiten. Kommt meine Patientin oder mein Patient im täglichen Leben allein zurecht oder benötigt sie/er Hilfen in unterschiedlichem Ausmaß? Wie sieht es mit der Lebensfreude aus? Mit den Erwartungen, Wünschen, Träumen, Zielen? Sind überhaupt noch Lebens- perspektiven vorhanden? Das sind hier die entscheidenden Fragen. Mein Augenmerk ist dabei auf die Ganzheitsmedizin gerichtet, also darauf, den älteren Menschen mit allen seinen Erkrankungen und Handicaps zu begleiten, dabei therapeutische und soziale Feineinstellungen zu versuchen und besonders die körperliche, emotionale und geistige Mobilität zu fördern. Und dies in engem Dialog mit der Familie und einem professionellen interdisziplinären Betreuungs-netz.

Das Alter allein ist keine Krankheit. Einschränkungen von Lebensqualität und Alltagskompetenz beeinträchtigen jedoch die Lebensfreude. Deren Veränderungen durch eine Vielzahl von Krankheiten, genannt Multimorbidität, sind kein hinzunehmendes Schicksal, sondern könnten durch geeignete Hilfen erheblich verbessert werden. Multimorbidität ist das Ergebnis aus dem Zusammenwirken von Krankheitssymptomen vieler Organsysteme bei unterschiedlicher Mischung im Einzelfall. Diese Symptome häufen sich dann auch noch mit zunehmen-dem Lebensalter. Auf die Bestandsaufnahme der einzelnen Beeinträchtigungen und auf die daraus abgeleiteten Hilfen kommt es also an. Eine komplexe und höchst verantwortungsvolle Aufgabe für einen Arzt. Mit diesem Wissen stimmt ist es allerdings nachdenklich, dass es in München zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen in den ersten 15 Lebensjah-ren – trotz abnehmender Geburtenzahl – etwa 144 Pädiater gibt. Im Vergleich dazu ist im Stadtgebiet – bei zunehmender Anzahl von Senioren – nur eine Handvoll niedergelassener Geriater auf die Betreuung von Senioren in den letzten 15 Jahren ihres Lebens spezialisiert.

DAS WIEDERHERSTELLEN
VON LEBENSQUALITÄT HAT IN
DER GERIATRIE NICHT IMMER
AUSSCHLIESSLICH MIT DER
BEHANDLUNG VON KRANKHEITEN
ZU TUN. MIT WELCHER
MEDIZIN ABER THERAPIERT
MAN DAS ÄLTERWERDEN?
 
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Dr. med. Günther Schmitt - Facharzt für Innere- und Allgemeinmedizin, Seniorenmedizin, Psychotherapie - Private Kassen
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